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 Annekathrin Walther im Gespräch mit Christine Kostropetsch, Berlin 2010:


Würdest du sagen, es gibt Schauspielmethoden mit denen du arbeitest?


Ja, also es gibt viele Methoden z.B. von Strasberg, Tschechow, Uta Hagen, Stella Adler, Meisner usw., die ich gut kenne, und auch verwende je nach Bedarf - aber ich habe über die Jahre meine ganz eigene entwickelt. Und das beginnt beim Gespräch, über Vertrauen, wirkliches, tatsächliches, tiefes Interesse am Menschen, der vor mir sitzt. Wenn man denen wirklich in die Augen schaut und sie sehr ernst nimmt, sie zulässt, bekommt man sehr viel von den Menschen. Tiefes Mitgefühl und sehr ernstes Interesse an den Menschen ist die Grundlage meiner Methode. Und dann natürlich das ganze Handwerkliche von der Script-Analyse bis zum mentalen vorbereiten des Vorsprechens. Was macht mich stark? Wovor habe ich Angst? Was nehme ich mir selbst vor? Zum Beispiel: wirkliche Kontaktaufnahme zu den Menschen, denen ich mich zeige. Oder, ganz wichtig, ich lasse mir meine Zeit, schaue mir den Raum erstmal an, nehme die Menschen wahr, atme und beginne so ruhig wie es nur geht. Auf all das lege ich großen Wert bei meinem Unterricht.


Schauspiel ist ja eine sehr körperliche Arbeit. Was sagst du da, wie soll man sich fit halten, wieviel Fitness braucht man, um Schauspieler zu sein?


Körperliche Arbeit ist etwas, was ich als ganz ganz wichtig empfinde. Ich finde man sollte Tanzunterricht nehmen, Körperarbeit von Feldenkrais bis Pilates oder Capoeira, alle Arten von Kampfkünsten sind hilfreich. Eher nach Vergnügen, man sollte seinen Körper sehr genau kennen und auch ständig weiterbilden. Man muss ein Gefühl für sich entwickeln, wo liegen meine Blockaden, meine Spannungen – das bekommt man über die Körperarbeit mit.

Ich ärgere mich über Schauspieler, die nichts mehr für sich tun. Nimm Gesangsunterricht, ab und zu mal wieder einen Sprecherzieher, selbst wenn du ein gestandener Schauspieler bist, ganz wichtig. Ein Jodelkurs ist fantastisch für die Stimme, ganz ein anderer Ansatz. Im Endeffekt, man kann auch Fußball spielen, mir ist das egal, grundsätzlich ist für mich Körperarbeit das allerwichtigste für einen Schauspieler.

Das machen viele Schauspieler aber nicht mehr. Das wird in den Schulen gelehrt, damit die Schüler sich öffnen, und nach der Schule hören sie oftmals damit auf. Und das finde ich eine große Faulheit bei unseren Schauspielern. Auch ich bilde mich ständig weiter, ob ich Salsa lerne oder meine Orientalischen Tanzkurse nehme und gebe, Workshops bei anderen Schauspielcoaches, wie z.B. Larry Moss oder Susan Batson, oder therapeutische Weiterbildungen jedweder Art.


Was ist der Schauspielberuf für dich?


Der Schauspielerberuf ist ein therapeutischer Beruf, überhaupt ist der Schauspielerberuf für mich ein heilender Beruf, also wir müssen wissen, warum wir eigentlich Schauspieler werden, dass wir Träger eines Inhalts sind, wir sind Träger eines sehr interessanten Stückes, einer Geschichte, einer Botschaft: ‚Bitte mach es nicht so....’, oder ‚Schau mal was passiert, wenn....’. Wir können spielerisch sagen: ‚Wenn ich das machen würde, dann passiert das.’ Der Zuschauer sieht die Konsequenzen eben, aber erleidet sie nicht selber. Das ist für mich der Beruf und das ist eigentlich ein medizinischer Beruf. 

Und deswegen sollte man sich meiner Meinung nach mit vielen Sachen auch ein bisschen auskennen. Im therapeutischen Bereich, von Homöopathie bis Schulmedizin, sich eine Meinung bilden, auch politisch und geschichtlich. Das ist sehr wichtig. Und künstlerisch: was ist unsere Tradition, wer war gut, wer gefällt mir heute, sich viel angucken im Theater und Filme natürlich. Ich zum Beispiel habe sehr viel über künstlerische Prozesse durch das Studium aller Filme von John Cassavetes gelernt. Das machen viele Schauspieler aber gar nicht. Und das unterscheidet aber große Künstler von mittelmäßigen.

Auch Museumsbesuche sind wichtig, oder Kunstbände. Sich da ständig zu informieren, auch in der bildenden Kunst, denn du musst dich ja auch mit Räumen, Farben und Kostümen auseinandersetzen. Es kann z.B. sein, dass der Schauspieler ein grünes Kostüm bekommt und weiß, das stimmt nicht. Das ist ein Riesenproblem. Und das sollte er vielleicht auch mal sagen. Oder wenigstens diskutieren. Das kann sein, dass die Farbe nicht passt. Dass die Farbe ihn behindert, oder bestärkt. Welches Schuhwerk habe ich an? Das ist alles wichtig.


Was hältst du von einer staatlichen Schauspiel-Ausbildung?


Das kommt auf den Menschen an. Ich z.B. habe mir in meiner Ausbildung damals meine Lehrer und Fächer selbst ausgewählt. Die staatlichen Schulen geben Dir das System und die Lehrerauswahl vor.

Ich bereite viele meiner Schüler auf staatliche Schulen vor. Ich versuche ihnen zu erläutern, dass sie, wenn sie dort ihren Abschluss machen wollen, diesen Lehrern folgen müssen. Aber sie sollen sich auch ihres bewahren. Sie sollen es sich merken, wenn sie etwas nicht richtig finden. Ruhig auch mal in den Widerstand gehen, aber nicht nur. Denn sonst kommt man nicht an diesen Abschluss. Sonst rebelliert man ständig gegen einen Lehrer.

Ich bringe meinen Schülern bei, wie man sich auf der Probe und in der Aufführung selbst zu verhalten hat. Der Umgang mit Regisseuren und Kollegen, Hierarchieketten. Was ist hilfreich, was ist ungünstig. Und deswegen sind meine Schüler im zwischenmenschlichen sehr gut ausgebildet, auch im kommunikativen.


Was bedeutet Regie für dich? Was interessiert dich an dieser Arbeit?


Also sagen wir mal, das erste, was ich glaube, was wichtig ist, ist, dass du als Regisseur selber eine Vision hast und eine Motivation, warum du das tust. Was mich fasziniert sind Menschen an und für sich. Die erste Motivation ist, dass ich ein Mensch bin, der Menschen liebt und in Gemeinschaft denkt. 

Mich interessiert der Bruch, das Drama, aber auch die Schönheit. Und das kriegst du nur, wenn die Spieler sich dir anvertrauen können, wenn die wissen: die hält mich, die fängt mich auf. Führung heißt für mich einzig, einen Raum des Vertrauens zu schaffen. Das heißt, ich möchte von den Leuten ihr Innerstes, weil mich das nur interessiert, Oberfläche interessiert mich gar nicht mehr. Und wenn ich das Innerste möchte, dann muss ich entweder bereit sein, auch mein Innerstes zu geben oder ich muss denen sagen: ihr seid aufgehoben.


Wie arbeitest du als Regisseurin?


Theater ist Prozess. Ich arbeite gern mit Improvisationen und die müssen zum Tragen kommen, so gut es geht. Denn wenn ich einen Raum schaffen kann, dass Leute mir etwas geben und ich nehme das dann nicht, dann ist das ein zurückgewiesenes Geschenk, dann hat das keinen Sinn.

Ich empfinde mich immer mehr als Diener des Stückes, immer mehr, dass ich sage ich möchte mich inspirieren lassen, und den Prozess begleiten, in dem sich diese Gruppierung von fremden Menschen jeweils befindet.

Und das finde ich in der Summe viel interessanter als mein eigenes Konzept, weil die Menschen interessanter sind. Ich seh mich da eher so als Vermittler. Ich geb den Rahmen vor: da ist was, es interessiert mich, ich bin da – wer kommt. Und was bringt ihr mir. Und das muss man erkennen können.

Ich hab viel inszeniert und wenn ich nichts zu sagen habe, dann weiß ich, der Prozess ist nach innen zu gehen, mit mir selbst was zu klären oder meine Kinder zu erziehen. Und das machen viele Regisseure nicht, sie denken, sie können es sich nicht leisten, mal aufzutanken. Neu die Welt zu überdenken.